Ziele der Waldorfpädagogik

„Wenn Menschen zusammen das
Geistige in innerer Ehrlichkeit suchen,
dann finden sie auch die Wege
zueinander von Seele zu Seele.“

(Rudolf Steiner)

Ziele der Waldorfpädagogik

„Wenn Menschen zusammen das
Geistige in innerer Ehrlichkeit suchen,
dann finden sie auch die Wege
zueinander von Seele zu Seele.“

(Rudolf Steiner)

Beziehung

Der Mensch lernt das Menschsein nur vom Menschen - diese erfahrene und erkannte Überzeugung kennzeichnet vielleicht an erster Stelle den Waldorfkindergarten.
Das kleine Kind braucht dabei den vertrauten Erwachsenen, der es in liebevoller Weise mit seinen Stärken und Schwächen wahrnimmt und von dem es sich angenommen und geachtet fühlt. In einem solchen Klima der Geborgenheit kann das Kind einerseits sein ureigenstes Wesen frei entfalten und andererseits Orientierung finden.

Es wird unwillkürlich damit beginnen, den Erwachsenen nachzuahmen: Den freundlichen Umgangston ebenso wie die ärgerlichen Worte. Die kreative Schaffenskraft genauso wie die lustlose Passivität. Das Kind erzieht sich an uns. „Lernen durch Nachahmung" heißt vielleicht das wichtigstes Entwicklungsmotiv der frühen Kindheit. Das bedeutet, dass der Erzieher immer wieder bei sich selbst mit dem Erziehen anfangen muss. Auch er ist ein werdender und keineswegs fertiger Mensch. Erziehung wird somit als Vorgang betrachtet, an dem das Kind aktiv beteiligt ist. Dem Erwachsenen fällt dabei vor allem die Aufgabe zu, für die günstigste Umgebung zu sorgen: durch eine warmherzige Atmosphäre, bewusste Selbsterziehung, freudiges Tätigsein, freundliche Raumgestaltung, natürliches Spielzeug und einen wohltuenden Rhythmus. Einiges davon wollen wir Ihnen in den nun folgenden Abschnitten ein wenig näher bringen.

Das kindliche Spiel

Im Sprachgebrauch verbirgt sich hinter dem Wort „Spiel" eine Fülle von Phänomenen: Es gibt das Spiel der Wellen, und es gibt Farbenspiele. Es gibt Schauspiele und das Spiel der Musik. Es gibt die Spiele von Tieren und Menschen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene, primitive und hochzivilisierte Menschen spielen auf verschiedene Weise: Sie spielen einzeln, in Paaren oder Gruppen, mit oder ohne Gegenständen, miteinander oder gegeneinander, nach strengen Regeln oder völlig frei. Bei alledem spielen sie mit Heiterkeit, Leichtigkeit oder auch mit Hingabe und feierlichem Ernst, (aus H. Scheuerl, „Das Spiel", Beltz Verlag, Weinheim). Die Erscheinungsformen des Spiels sind demnach vielfältig und begegnen uns in vielen Lebens und Erfahrungsbereichen. Schon von daher wird und wurde ihm eine besondere Bedeutung für den Menschen beigemessen. Schiller sah im Spiel einen Ausdruck des Schöpferischen und schrieb in seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen": „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur dort Mensch, wo er spielt".

Welchen Ansatz man dem Spiel auch zugrunde legen will, so lässt sich doch sagen, dass es eine Form davon ist, was den Menschen neben seinem Intellekt, seiner Phantasie, seinem Gedächtnis, in seiner Tätigkeit als planendes, gestaltendes und handelndes Wesen mitbeeinflusst. Seine Zweckfreiheit unterscheidet es von allen sonstigen menschlichen Handlungsweisen, die immer auf ein Ziel gerichtet sind, eine Absicht verfolgen. Im Gegensatz hierzu findet es sozusagen um seiner selbst willen statt. An manchen Vormittagen im Kindergarten kann ich während der Freispielzeit beobachten, wie die Kinder so vertieft in ihr Spiel sind, dass sie alles andere zu vergessen scheinen, was um sie herum geschieht. Man hat dann den Eindruck, sie hätten eine eigene Welt um sich geschaffen, die eigenen Gesetzen und nicht einsehbaren Abläufen unterworfen ist. Unterbricht man die Kinder unerwartet in ihrem Tun, bspw. wenn das Ende der Freispielzeit angekündigt wird, was z.B. mit einem Aufräumlied geschehen kann, scheinen die Kinder wie aus einem Schlaf zu erwachen. Auch wenn hier und dort noch eine Weile weitergespielt wird, ist die vorher da gewesene Harmonie doch nicht mehr dieselbe.

In seinem Spiel entwickelt ein gesundes Kind eine einzigartige Hingabe. Diese Fähigkeit verleiht dem Spiel den Ausdruck eines sinnvollen, ernsten Geschehens, das mit Lust und Freude erlebt wird. Schon von daher darf das Spiel des Kindes nicht als Nebensächlichkeit eingestuft werden. An ihm übt es Dinge, die es einmal viel später, in verwandelter Form aus sich hervorbringen wird. So hilft es ihm in seinem unablässigen Bemühen, allmählich in seine Umwelt hineinzuwachsen, sie verstehen und deuten zu lernen, um sich einmal selbständig und sicher in ihr bewegen zu können. Seine Erfahrungen, seine Kenntnisse, die sich täglich erweitern, drücken sich im Spiel aus und spiegeln seine Umwelt wider.

Darüber hinaus offenbart das Kind in seinem Spiel schon etwas von seinem Wesen, seiner Individualität. In Situationen, wo Kinder zum ersten Mal in den Gruppenraum kommen, lässt sich dies gut beobachten. Einige Kinder „erstürmen" gleich die verschiedenen Ecken, untersuchen dieses und jenes und wollen sich gar nicht mehr trennen. Andere Kinder gehen vorsichtig auf das Puppenhaus zu und schieben zaghaft den Vorhang des Spielständers zur Seite, um erst einmal einen Blick zu riskieren, bevor sie sich dann weiter vorwagen. So verschieden die Kinder sich in solchen Situationen verhalten, so verschieden ist dann oft auch ihr tieferes Wesen.

Spielmaterialien

Intelligenz setzt bis in die höchsten wissenschaftlichen Leistungen eine Beweglichkeit des Vorstellens voraus. Im Waldorfkindergarten soll das Kind so befähigt werden, dass sein Vorstellungsvermögen nicht fest und starr wird, sondern eben diese innere Dynamik gewinnt und kreativbeweglich bleibt. Spielzeug, das nicht bis ins Detail sondern nur andeutungsweise ausgestaltet ist, fordert das Kind zu eigener Vorstellungsaktivität heraus. Es muss in seiner Phantasie ergänzen, was dem Ding fehlt. Das Denken, Fühlen und Wollen wird somit auf ganz indirektem Wege aktiviert und das Kind bleibt geistig beweglich.

Das natürliche Spielmaterial hilft dabei den Kindern, die Natur und ihre lebenspendende Energie ständig im Tasten zu erspüren und zu begreifen. Eine denkbar einfache Puppe wandelt sich durch Phantasie zu einem Kind, dann zu einem König und wenig später zum Handwerker. Welche Problemstellung bewältigt das Kind gar, wenn es aus unregelmäßigen Ästen und Hölzern einen Turm errichtet. Aus Leinentüchern werden zuerst ein See, auf denen die gefilzten Zwerge in Rindenbooten daher fahren, später ein Tragetuch für das Püppchen. Bei diesen Spielen entwickeln die Kinder ganz beiläufig eine Wachheit im Auffassen und Unterscheiden, die Sinnesorgane und das Koordinationsvermögen werden angeregt. Und: Sie sind im sozialen Prozess miteinander kreativ, begegnen sich im Denken, Fühlen und Wollen.

Sprachentwicklung

Die Erzieher im Waldorfkindergarten bemühen sich um eine reiche, grammatisch differenzierte und vor allem bildhafte Sprache. Täglich erzählen sie ihren Kindern kleine Geschichten oder Märchen, ein Puppenspiel führt noch tiefer in das Miterleben ein. Bei Fingerspielen, die auch schon von den Kleinsten sehr geliebt werden, bilden die Worte mit den Gesten eine Einheit. Die Sprache prägt sich auf diese erlebte Weise und durch häufiges Wiederholen stark ein, so dass die Kinder selbständig differenzierte Wendungen erlernen und die geistige Auffassungsgabe einen großen Gewinn erfährt. Das kindliche Denken und die Intelligenz werden durch die ungekünstelte und reiche Sprache angeregt. Und nicht zuletzt prägt sich entscheidend die soziale Kommunikationsfähigkeit dieser Kinder.

„Dies ist der Daumen
der schüttelt die Pflaumen
der liest sie auf
der trägt sie heim
und der kleine Schelm hier
- der isst sie ganz allein."